Pädagogische Hochschule

"All In Jam 1.1" Ein Bericht zur Jam-Session vom 07. Mai 2018 im Ackermannshof in Basel

Sie habe sich an der Tür geirrt, so eine Teilnehmerin der Jam Session am Abend des 7. Mai. Und dann, führt sie fort, sei sie einfach geblieben. Das ungewöhnliche Setting muss wohl rasch ihre Neugier geweckt haben: zwei Geigen, eine Mandoline, ein barocker Zink, ein Akkordeon, eine Gitarre, ein Klavier, mehrere Perkussionsinstrumente in einem Raum und ein sehr diverses, heterogenes Publikum – dem tatsächlichen Alter, der äußeren Erscheinung und der beruflichen Herkunft nach. Bei diesem „verrückten musikalischen Date“, das im Rahmen von „Musik und Mensch“ zum zweiten Mal organisiert wurde, begegneten sich Menschen und ihre (z.T. einst in die Ecke gestellten) Instrumente, um gemeinsam in Resonanz zu treten, zu tönen und wieder zu erklingen. Es wird gejammt. Wie bei einer köstlichen Jam (engl. jam, auch: Marmelade) kommt es einerseits auf die Zutaten, aber mehr noch auf deren raffinierte Mischung an; dann entsteht eine Sym-phonie, ein ganz besonderer Zusammen-Klang. In seinem Essay „Making music together“ schreibt der Soziologe Alfred Schütz, dass dieses Wir beim gemeinsamen Musizieren durch das „living through a vivid present in common“ entstehe. Diese lebendige Gegenwart wurde während den zwei Stunden der „All In Jam“ besonders deutlich spürbar. Nicht zuletzt war es Andreas Gerber, ein von Bobby McFerrin wesentlich geprägter Musiker, Rhythmus- und Improvisationslehrer, dem erneut das Kunststück gelungen ist, wirklich alle einzuladen, Teil des Experiments „Musik“ zu werden und der mit wenigen kurzen, aber prägnanten verbalen Inputs und achtsamer, motivierender Begleitung durch den Abend geführt hat. Jam-Sessions sind für Profimusiker v.a. im Bereich des Jazz etwas Selbstverständliches. Vorausgesetzt wird ein bestimmtes Können. Diese Vorgabe wurde hier auf den Kopf gestellt. Gesucht waren gerade diejenigen, die „ihr“ Instrument eben genau nicht mehr oder selten spielen und keine Übung haben - eigentlich verrückt... Diese Ursprungsidee diente dem Publikum im Mai wohl eher als Inspiration, denn als exakte Vorgabe für die Teilnahme. Das ist auch gut so, geht es doch um die grundsätzliche Idee, dass in uns allen musisches Potential schlummert, das geweckt werden kann. Schöpferische Kräfte wurden jedenfalls freigesetzt als die studierte Geigerin, die vor Jahren ihr Instrument weg gelegt hat und sich diesem nun wieder in vorsichtigen Schritten nähert, auf ein musikbegeistertes Greenhorn ohne mitgebrachtes Instrument –„Ich habe meine Stimme mit“ – trifft. Oder der Musikstudent der Basler „Schola Cantorum“ auf dem Zink, der nach vielfältigen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten sucht und nun auf eine tanzende Frau trifft, die rein zufällig hier gelandet ist, weil sie sich an der Tür geirrt hat. Andreas Gerber spricht lieber vom „Intuitiven Musizieren“, zu professionell eingeengt sei der Begriff Improvisation für ihn bereits, der gerade im Jazz ein gewisses Repertoire voraussetzt. Hier ging es aber um das Hören und Horchen, sich Einfinden und Zueinanderfinden in der Welt der Klänge. Nur drei Töne dienten beispielsweise als Anker im harmonischen Spaziergang durch eine 20-minütige Improvisation. In der „Stand by-Impro“ war Mut gefragt: Eine Person stellt sich in den Kreis und musiziert frei; zu ihr/ihm gesellt sich ein Partner/eine Partnerin, beide können ausgewechselt werden. Es entsteht ein Fluss aus immer neuen, spannenden Duetten. Spontan entschloss sich Andreas Gerber auch dazu, mit der Gruppe einige Circle Songs zu singen. Die Stimmung ist frei und freudig. Die letzte Improvisation will nicht enden. Eine Teilnehmerin muss nach Hause, wird in der Improvisation verabschiedet. Die anderen wollen nicht aufhören. Es könnte noch ewig so weitergehen. Das nennt man wohl Flow.

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Teresa Leonhard, ISEK

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