Pädagogische Hochschule

"Score - A Film Music Documentary": Ein Bericht zum Filmabend & Gespräch vom 24. April 2019 im Kino Odeon, Brugg

«Sehr amerikanisch…». Mit diesem Votum begann der Einstieg in die Diskussionsrunde, anschliessend an den im Kino Odeon gezeigten Film «Score – A Film Music Documentary». Alenka Ambroz, Dozentin für Kultur und Kommunikation an der Technischen Hochschule FHNW konfrontierte zu Beginn des Gesprächs gleich das Publikum mit ihrer Frage, was denn am Film gefallen hätte, um die Antworten zu sammeln und so zum Dialog mit dem Komponisten und Dozenten für Komposition an der ZHdK, Olav Lervik hinzuführen. Zwar lieferte der Film einige interessante Informationen und bot (auch provokante) Anknüpfungspunkte für das gemeinsame Gespräch. Doch die Diskussionsrunde war im Gegensatz zur hektisch geschnittenen und plakativen Dokumention über die Elite, ja die populärste Szene der Filmmusik Hollywoods entspannend, erhellend und ging in Tiefe.

 

Viele Aspekte, die im Film in den Statements von Grössen wie Hans Zimmer, Danny Elfman, James Cameron oder John Williams nur kurz angeklungen sind oder komplett ausgeblendet wurden (v.a. die konkrete musikalische Arbeit betreffend) konnten in der Reflexion mit dem äusserst kompetenten Gast zur Sprache gebracht werden. Laut Olav Lervik wurden vor allem positive Aspekte des Komponierens von Filmmusik dargestellt: die anspruchsvolle Zusammenarbeit mit den Filmregisseuren und deren Wünschen; die Fähigkeit, Emotionen beim Kinobesucher zu wecken; die professionelle und faszinierende Arbeit mit Studiomusikern und -musikerinnen, sowie der Erhalt klassischer Orchester durch die neu komponierten Werke. Ein sicherlich spannender Einblick war es, den hochprofessionellen Studiomusikern von Los Angeles oder im Studio der Abbey Road in London im Film einmal über die Schultern blicken zu können.
Währenddessen wurden mögliche Schattenseiten aber eher ausgeblendet. Olav Lervik beschrieb den Prozess des Komponierens als sehr vielfältig, mit dem jeder Komponist/jede Komponistin anders umgehen kann. Es gäbe auch Phasen des Verwerfens von Ideen, ungewisse Zeiten mit wenigen Aufträgen oder Zeiten mit Überlastungsgefahr bei fehlendem Gleichgewicht von Arbeit und Privatleben. Als Komponist/Komponistin im Filmbusiness sei man in gewisser Weise ein „Alleskönner“ oder zumindest „Vielkönner“ in verschiedensten Bereichen, wie z.B. im Orchestrieren, Musizieren, Kommunizieren, Verhandeln von Ideen usw. Trotzdem spezialisiere man sich oft auf einen Bereich und benötige ein kompetentes Team, ohne dessen Hilfe solch professionelles und erfolgreiches Arbeiten unmöglich wäre. Laut Olav Lervik werde diese Erkenntnis aber nicht offen kommuniziert, selbst von den führenden Filmmusikkomponisten nicht – vielleicht unter Ausnahme von Hans Zimmer. Diese Haltung manifestiere sich nach wie vor in der Vergabe des Oscars für die Filmmusikkomposition an nur einen Komponisten oder Komponistin und nicht an ein Kollektiv.

Was heraussteche, so der Gast, seien nicht nur individuelle Unterschiede bei den Komponierenden, sondern auch geographisch bedingte Verschiedenheiten. So zeichnen sich amerikanische Grossfilmproduktionen Hollywoods vor allem durch einen enorm eng gehaltenen Zeitplan aus, wobei Komposition und Musikaufnahme meist ganz am Schluss des Entstehungsprozesses stehen. Teilweise sogar so spät, dass gar schon die Filmplakate hängen, obwohl die Musik noch nicht fertig komponiert ist. In Europa werden grössere Filme vor allem in England produziert. Im deutschsprachigen Raum sind dagegen eher Kleinproduktionen Standard. Olav Lervik brachte diesbezüglich noch ein, dass interessanterweise Deutschland die grösste Orchesterdichte aufweise. Wobei das Aussterben solcher Orchester die heutige Zeit präge und seiner Meinung nach sehr tragisch sein könne. Jedoch kann abschliessend festgehalten werden, dass es allgemein keine Übersättigung an qualifizierten Berufsleuten in diesem Arbeitsbereich gibt. Herr Lervik meint dazu: «Solche Kulturstellen braucht es immer, auch in Zukunft. Darum rate ich angehenden Studierenden und Lernenden, dass sie das machen sollen, was ihnen Spass macht, solange sie eine Chance dazu haben. Lasst uns die gegebenen Chancen packen und realisieren.» 

 

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Samuel Marti - ISEK

 

 

Hier der Link zum Video/Gespräch: https://tube.switch.ch/videos/ab60376a

 

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